Netzentgeltrabatte nur für Flexibilität

Energiewirtschaft
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Energieintensive Industrieunternehmen werden seit 15 Jahren durch Rabatte bei den Netzentgelten entlastet. Die Bundesnetzagentur strebt eine Reform an. Svetlina Ilieva-König und Stefan Kraus aus dem Regulierungsmanagement von Amprion über Reformziele und Lösungsmodelle.

Worum geht es bei der Reform der Industrienetzentgelte?

Svetlina Ilieva-König: Die Reform ist sinnvoll, weil sich das Stromsystem verändert – hin zu mehr volatiler Erzeugung aus erneuerbaren Energien wie Wind und Sonne. Dazu muss man wissen: Durch Rabatte bei den Netzentgelten belohnt die Bundesnetzagentur (BNetzA) systemdienliches Verhalten. Es besteht unter anderem darin, dass Unternehmen ihren Stromverbrauch verstärkt danach richten, wie viel Strom aus volatiler Erzeugung jeweils ins Netz eingespeist wird.

Stefan Kraus: Bislang gab es viele konventionelle thermische Kraftwerke, die kontinuierlich und planbar Strom ins Netz eingespeist haben. Deshalb wurden Unternehmen belohnt, die Strom in großer Menge kontinuierlich abgenommen haben. Das ist die sogenannte Bandlast. Weil künftig immer mehr Strom wetterabhängig erzeugt wird, braucht es einen anderen Gegenpart, nämlich eine flexible Abnahme. In Zukunft ist Flexibilität systemdienlich. Das neue Modell zielt darauf, flexibles Verhalten zu ermöglichen.

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Industrienetzentgelte

Stromintensive Unternehmen werden durch Rabatte bei den Netzentgelten für systemdienliches Verhalten belohnt. Dieses System soll neu ausgerichtet werden: Industrienetzentgelte sollen künftig Anreize für stromintensive Unternehmen schaffen, dynamisch auf die jeweils aktuelle Erzeugungssituation zu reagieren. Dafür stehen drei Modelle zur Diskussion.

Das Bild zeigt ein schwarzes Symbol eines Geldscheins mit einem Euro-Zeichen (€) in der Mitte. Das Symbol steht allgemein für Geld, Finanzen oder Zahlungen in Euro

Wie sieht dieses flexible Verhalten konkret aus?

Stefan Kraus: Idealerweise passen Industrieunternehmen ihre Produktion und damit ihre Stromabnahme dem Stromangebot und dem Netzzustand an. Wenn es mehr Strom aus erneuerbaren Energien und keine Einschränkungen durch Engpässe im Netz gibt, erhöhen Unternehmen ihre Produktion. Bei weniger Strom im System oder erwartbaren Engpässen drosseln die Unternehmen die Produktion und damit die Entnahme.

Svetlina Ilieva-König: Entscheidend ist die gesicherte – also verbindlich abrufbare – Lasterhöhung oder -absenkung in den richtigen Stunden. Solche garantierten Anpassungen optimieren die Netznutzung, indem sie Über- oder Unterlast gezielt ausgleichen, Engpässe mindern und teuren Spitzen-Redispatch reduzieren. In besonders kritischen Situationen hat diese garantierte Flexibilität mit sehr kurzer Reaktionszeit einen hohen Wert.

Wie reagiert die Industrie auf die Netzentgeltreform?

Svetlina Ilieva-König: Sehr unterschiedlich. Es gibt Unternehmen, die bringen diese Flexibilität bereits heute mit, und andere, bei denen sie prozessbedingt sehr eingeschränkt oder gar nicht möglich ist. Klar ist: Die Übertragungsnetzbetreiber und die BNetzA wollen die Industrie mitnehmen. Deswegen sollen bestehende Vereinbarungen über individuelle Netzentgelte auch nicht sofort ihre Wirkung verlieren. Es ist vorgesehen, Übergangsfristen zu gewähren, die es ermöglichen sollen, die Produktion umzustellen und Flexibilitätspotenziale zu realisieren.

Aktuell werden verschiedene Modelle für die Industrienetzentgelte diskutiert. Worin unterscheiden sie sich?

Stefan Kraus: Die BNetzA hat drei alternative Reformmodelle vorgestellt. Alle sollen für stromintensive Unternehmen Anreize schaffen, dynamisch auf die jeweils aktuelle Erzeugungssituation zu reagieren. Dabei orientiert sich das Modell A an den Strombörsenpreisen. Unternehmen sollen in Zeiten der täglich niedrigsten und höchsten Spotmarktpreise um 3,5 bis fünf Prozent von ihrer durchschnittlichen Tageslast abweichen. Bei den Modellen B und C steht die Netzdienlichkeit im Fokus. So sieht Modell B vor, dass Unternehmen nach Anforderungen der Netzbetreiber für den gewohnten Rabatt anfänglich 0,5 bis 1,5 Prozent von ihrer durchschnittlichen (Vor-) Jahreslast abweichen. Die Abweichung soll kontinuierlich bis auf 3,5 bis 4,5 Prozent im Jahr 2033 ansteigen.

Svetlina Ilieva-König: Ein zweiter wichtiger Unterschied betrifft die Eingriffshäufigkeit. Die Modelle A und B sehen tägliche Eingriffe in den Stromverbrauch vor. Das Modell C setzt auf Eingriffe in besonders kritischen Netzsituationen.

3,5 - 5 %
Abweichung von durchschnittlichen Tageslast

Modell A

0,5 - 1,5 %
Abweichung von durchschnittlicher (Vor-) Jahreslast

Modell B

Welches Modell favorisieren Sie?

Svetlina Ilieva-König: Das Modell C. Netzbetreiber können Unternehmen dann in wenigen besonders kritischen Stunden im Jahr dazu bewegen, ihren Stromverbrauch an einen Referenzwert anzupassen. Außerhalb dieses Zeitraums können sie Flexibilität marktlich einsetzen. Der Vorteil des Modells C: Es bringt den höchsten Systemnutzen genau dann, wenn er gebraucht wird.

Rechtfertigt die Option auf zeitlich stark begrenzte Eingriffe die hohen Netzentgeltrabatte?

Stefan Kraus: Ja, denn vor allem in diesen besonders kritischen Stunden im Jahr kommt es auf garantierte Flexibilitäten an. Wenn wir in diesen Stunden auch dank industrieller Flexibilitäten hohe Redispatchkosten vermeiden, übertrifft der volkswirtschaftliche Nutzen hier die Kosten für Netzentgeltrabatte.

Wo liegen bei der Reform die kniffligsten Punkte?

Svetlina Ilieva-König: Im Ausgleich zwischen der Europarechts-Konformität, der Belastung der Industrie und dem Netznutzen. Vor dem Hintergrund der im Europarecht geforderten Kostenreflexivität ist die BNetzA dagegen, den Kreis der Begünstigten und die Höhe der Rabatte stark auszuweiten. Denn dies würde die finanzielle Last für alle übrigen Netznutzer deutlich erhöhen. Auf der anderen Seite darf der neue Mechanismus die Industrie nicht überfordern.

Stefan Kraus: Als Netzbetreiber wollen wir einen maximalen Netznutzen: Rabatte dürfen nicht allein marktliche Flexibilität honorieren, die Engpässe sogar verschärfen könnte. Netzdienliche Signale müssen echte Engpässe adressieren – in wenigen, besonders kritischen Stunden. Und in der übrigen Zeit sollten unsere Kunden, die schon heute oder in naher Zukunft ein wirtschaftliches Flexibilitätspotenzial haben, die Möglichkeit haben, dieses am Markt einzusetzen.

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