Wie Batteriespeicher das Energiesystem verändern

Energiewirtschaft
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Die Luftaufnahme zeigt aus einer erhöhten Perspektive ein weitläufiges Umspannwerk (rechts) und einen direkt angrenzenden Batteriespeicher-Park (links) in einer ländlichen Umgebung.
Batteriespeicher (links): Auf einer rechteckigen, mit hellem Schotter befestigten Fläche sind über 30 große, weiße Container in zwei parallelen Doppelreihen angeordnet. Die Anlage ist von einem Schutzzaun und einer niedrigen, grünen Hecke umgeben. Am unteren Rand der Fläche befindet sich ein flaches, grünes Technikgebäude.
Umspannwerk (rechts): Direkt daneben befindet sich eine klassische Freiluft-Schaltanlage. Sie besteht aus einem dichten Netz von hohen, grauen Stahlgittermasten, Isolatorenketten und horizontal verlaufenden Stromschienen über einer Rasenfläche.
Umgebung: Die Anlagen sind in eine hügelige Landschaft mit weiten, grünen und braunen Feldern eingebettet. Im Hintergrund am Horizont sind zahlreiche Windkraftanlagen zu erkennen, was den Bezug zur Erzeugung und Speicherung erneuerbarer Energien unterstreicht. Der Himmel ist hellgrau und bedeckt.
Auf die Stromwirtschaft kommen durch den Boom der Batteriespeicher deutliche Veränderungen zu, sagt Amprion-CEO Dr. Christoph Müller. Netzanschlüsse, Netznutzung, Systemführung – das Betriebssystem einen künftig klimaneutralen Strommarkts muss neu gedacht werden.

Der Jahresbeginn ist ein guter Moment zum Innehalten. Wo steht die Energiewende gerade?

Dr. Christoph Müller: Menschen neigen dazu, die Herausforderungen der eigenen Zeit als besonders groß wahrzunehmen. Unsere Branchen-Vorväter und -mütter werden dieses Gefühl gehabt haben, als sie in den 1960er Jahren das unglaubliche Wachstum der Stromnachfrage stemmten, in den 1970ern die Ölpreiskrisen bewältigten und in den 1990ern die stromwirtschaftliche Wiedervereinigung umgesetzt haben. Auch wir sind in der Energiewende einiges an Wandel gewohnt. Aber es kommt nach meinem Eindruck noch einmal eine deutliche Veränderung auf die Stromwirtschaft zu. Sie hängt mit dem Boom der Batteriespeicher zusammen. Dadurch ist in unserem Geschäft einiges ins Rutschen gekommen.

Was beobachten Sie?

Die Bundesnetzagentur hat berichtet, dass Ende 2024 rund 400 Gigawatt Batterieprojekte einen Netzanschluss beantragt haben. Laut BDEW sind es im November 2025 noch mehr: 720 Gigawatt. Aber selbst das halte ich für wenig. Der Boom wird weitergehen – auch wenn in den Zahlen viele Phantomprojekte enthalten sind. Durch den technischen Fortschritt werden Batterien immer günstiger. Wir haben diese Dynamik bei den Photovoltaik-Modulen gesehen.

Wo liegen die Herausforderungen beim Anschließen von Batteriespeichern?

Die Lage ist bei allen Netzbetreibern gleich: Im Bereich des Netzanschlusses kommen wir nicht mehr hinterher. Die Folgen sind Wartezeiten, die in ihrer Wirkung Absagen sehr nahekommen. Das führt zu einiger Missstimmung. Noch wichtiger aber ist: Das deutsche Netz ist auf eine Nachfrage von „nur“ 80 GW ausgelegt. Wie man es auch dreht und wendet: Die aktuell im Raum stehenden Anfragen zum Anschluss von Batteriespeichern und erneuerbarer Erzeugung sprengen alles, was das Netz grundsätzlich hergibt. Wir müssen uns der Tatsache stellen, dass das Stromnetz mit seinen Anschlusskapazitäten zu einem knappen Gut geworden ist, das wir bewirtschaften sollten.


Eine Umrisszeichnung einer Batterie, die horizontal ausgerichtet ist. Innerhalb der Batterie befindet sich ein Blatt, das nach rechts oben zeigt.
720 GW
Batterieprojekte

wurden laut BDEW bis November 2025 beantragt

Bisher gilt das Windhundprinzip: „first come, first served“…

Ja, das endet bald. Die Übertragungsnetzbetreiber führen im April ein Reifegradverfahren für Netzanschlussanträge von Speichern und Großverbrauchern ein. Das wird Ordnung bringen und die Lage verbessern. Die grundlegenden Fragen einer systematischen, bewussten Bewirtschaftung der knappen Ressource Netzanschluss aber bleiben – und müssen von der Politik beantwortet werden: Wie wollen wir diese Ressource vergeben? Ist uns als Volkswirtschaft die Elektrifizierung eines Stahlwerks im Rahmen der klimaneutralen Transformation nicht wichtiger als der x-te Batteriespeicher? Ist uns ein Rechenzentrum wichtiger als eine Batterie? Leider wird es aber nicht nur damit getan sein, dass wir die Netzanschlusskapazitäten bewirtschaften.

Info

Reifegradverfahren

Die Übertragungsnetzbetreiber führen ein neues Verfahren für die Bereitstellung von Netzanschlüssen ein. Anträge auf Anschluss an das Höchstspannungsnetz für Großbatteriespeicher und Großverbraucher werden künftig anhand einer Reihe nachprüfbarer Kriterien und ihrer Realisierungswahrscheinlichkeit bewertet. Dieses „Reifegradverfahren“ löst das Windhundprinzip ab, bei dem Netzanschlussanträge einzig nach dem Zeitpunkt der Einreichung chronologisch bearbeitet wurden. Das Reifegradverfahren startet ab dem 1. April 2026 mit einer ersten Informations- und Antragsphase.

 Mehr zum Reifegradverfahren

Ein Mann mittleren Alters mit kurzen grauen Haaren und Brille sitzt lächelnd vor einem holzvertäfeltem Hintergrund. Er trägt einen dunkelblauen Anzug, ein weißes Hemd und eine rote Krawatte mit feiner Struktur. Sein Ausdruck wirkt freundlich und professionell.

Die entscheidende Frage der Energiewende lautet: Wie bauen wir ein neues Betriebssystem, in dem Batteriespeicher mit mehreren hundert Gigawatt arbeiten?

Dr. Christoph Müller

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Geschäftsführung

Worum geht es darüber hinaus?

Die große Zahl an neuen Batteriespeichern hat auch Auswirkungen auf die Netznutzung. Batterien sind nicht per se netzdienlich: Wir werden Netzengpässe bekommen – und müssen Redispatch-Maßnahmen ergreifen. Legen wir die Kosten dafür weiter über die Netzentgelte auf die Allgemeinheit um? Wir sollten auch über die Frage sprechen, wie wir ein Stromsystem führen, in dem Batteriespeicher mit einer Leistung von 100, 200 oder 300 Gigawatt arbeiten. Es erscheint mir kaum vorstellbar, dass Batterien nahezu in Echtzeit agieren und kurzfristig ihre Positionen verändern. Dadurch wird es enorm schwer, verlässliche Netzsicherheitsberechnungen durchzuführen. Eben noch hatte ich als Netzbetreiber eine 500-Megawatt-Senke eingeplant, eine Sekunde später ist daraus eine 500-Megawatt-Stromquelle geworden. Wie stellen wir sicher, dass das Netz damit klarkommt?

Amprion hat für diese Fälle Central Dispatch Elemente empfohlen…

Diese Lösungsidee haben wir der Öffentlichkeit vorgestellt. Wir bekommen große Zustimmung zur Problembeschreibung, aber immer auch das Feedback, dass doch bitte jemand anderes das Problem lösen solle. Das könne auch gelingen, wenn sich alle anderen – einschließlich der Übertragungsnetzbetreiber – ordentlich anstrengen würden. Mit dieser Haltung werden wir das Strombetriebssystem der Zukunft nicht organisieren können. Ich habe eben Netzanschlüsse, Netznutzung, Netzentgelte und Systemführung genannt – all das macht für mich so etwas wie das Betriebssystem des künftigen klimaneutralen Strommarkts aus. Mit ihm verändern wir auch die Basis unseres Wirtschaftens. Die entscheidende Frage der Energiewende lautet: Wie bauen wir ein neues Betriebssystem, in dem Batteriespeicher mit mehreren hundert Gigawatt arbeiten?

Info

Central Dispatch

Im heutigen Strommarkt führen ungenaue Prognosen von Wind- und Solarstrom sowie sehr kurzfristige Handelsentscheidungen zu Unsicherheiten und Engpässen im Stromnetz. Amprion schlägt einen partiellen Central Dispatch vor. Das Konzept trennt die Vermarktungsentscheidung auf Bilanzkreisebene von der physikalischen Dispatch-Ebene. Dadurch werden Unsicherheiten im Netzbetrieb verringert. Anlagen, die aufgrund von Netzengpässen abgeregelt werden müssten, speisen erst gar nicht ein. Das Konzept bietet hohe Kosteneffizienz im Redispatch.

Ihr Eindruck: Wie geht die Stromwirtschaft mit dieser Frage um?

Es fällt uns allen schwer, die damit einhergehenden Veränderungen anzunehmen. Dass man Strom nicht speichern kann, hat unser energiewirtschaftliches Denken 100 Jahre lang geprägt. Davon werden wir uns verabschieden müssen. Das betrifft auch die Regulierung: Das aktuelle Regelwerk muss angepasst werden. Es kommt noch aus der Monopolzeit, in der alle Systemfragen über Anreizstrukturen mit Blick auf Gewinn- und- Verlustrechnungen einzelner Verbundunternehmen entschieden wurden. Da war eine integrierte Optimierung einfach. Jetzt befinden wir uns in einer Energiewelt mit vielen Akteuren und sehr unterschiedlichem Denken. Es macht einen Unterschied, ob sich ein Business Case über 40 Jahre wie im Netzbereich, über 20 Jahre wie im Kraftwerksbereich oder über sechs bis acht Jahre wie im Großbatteriebereich rechnen muss. Und es macht einen Unterschied, ob ein Akteur im Strommarkt die marktwirtschaftliche Rendite eines einzelnen Assets oder die Stabilität des Gesamtsystems verantwortet.

Wird die Stromwirtschaft diese Herausforderungen meistern?

Ich bin optimistisch – aus zwei Gründen: Wir sind unglaublich weit gekommen in der elektrischen Energiewende. Kein Sektor ist in der Transformation und beim Erreichen seiner Klimaziele so weit wie wir! Das wird leider oft nicht gesehen, wenn über die Stromwirtschaft und innerhalb der Stromwirtschaft diskutiert wird. Und: Wir haben uns immer wieder den wichtigen und dringlichen Fragen gestellt – und dazugelernt. Das werden wir auch im Blick auf den Batteriespeicher-Boom tun.

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