Energiewende und Versorgungssicherheit: Welche Maßnahmen Amprion jetzt für nötig hält

Netzstabilität
Lesedauer: 7 Min.
Vier moderne weiße Reihenhäuser mit jeweils zwei Stockwerken und einem Dachstuhl. Auf jedem Dach befinden sich PV-Anlagen. Vor dern Häusern kleine aufgeräumte Vorgärten und vereinzelte Pkw. Die Sonne scheint, der Himmel ist wolkenlos.
Als einer der vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber sind wir als Amprion für einen bedarfsgerechten Ausbau der Netzinfrastruktur verantwortlich, überwachen und steuern den Stromtransport und sorgen so für Versorgungssicherheit. Doch die Rahmenbedingungen ändern sich rasant: Der schnelle Zubau der Erneuerbaren, die enorme Nachfrage nach Batteriespeicher-Anschlüssen und das schrittweise Aus für Kohlekraftwerke stellen die Netzbetreiber vor neue Herausforderungen. Amprion bringt einen Maßnahmenplan in die politische und regulatorische Debatte ein.

Der Anspruch ist klar: Strom soll zur Verfügung stehen, wenn er gebraucht wird. Dies sieht Amprion jedoch in Zukunft nicht als gewährleistet an, wenn der Gesetzgeber nicht zügig einige Regeln ändert – zumal Studien zufolge absehbar mehr Strom benötigt wird. Dabei steht das System vor verschiedenen Herausforderungen: Erneuerbare Energien decken aktuell bereits mehr als die Hälfte des deutschen Stromverbrauchs. Eine erwünschte Entwicklung, damit steigen aber zugleich das Risiko von Dunkelflauten und der Bedarf an Speichern. Batteriespeicher drängen auf den Markt, ihre Betriebsweise dient aber nicht automatisch der Netzstabilität und damit der Versorgungssicherheit. Kohlekraftwerke gehen schrittweise vom Netz, aber laut diverser Analysen sind bis zum Jahr 2035 erhebliche zusätzliche Kraftwerkskapazitäten nötig.

Das Foto zeigt Herrn Dr. Neumann. Dr. Hendrik Neumann ist seit 2021 Mitglied der Geschäftsführung der Amprion GmbH. Als Chief Technical Officer (CTO) verantwortet er die Aufgabenbereiche Asset Management, Netzprojekte, Offshore, Systemführung Netze und Arbeitssicherheit.

Das Ziel von Amprion ist es, das aktuell hohe Versorgungssicherheitsniveau in Deutschland auch weiterhin zu gewährleisten. Deshalb benötigen wir für den sicheren Betrieb des Systems zusätzliche gesicherte Leistung und neue Regeln für erneuerbare Energien sowie Betriebsmittel wie Batteriespeicher.

Dr. Hendrik Neumann

-

CTO von Amprion

Welche Elemente die Versorgungssicherheit bestimmen

Zu den langfristigen Elementen gehören die marktseitige Versorgungssicherheit (Erzeugungsadäquanz) – darunter verstehen wir die ausreichende Deckung der Nachfrage sowie das Verhindern von ungewollten Erzeugungsüberschüssen – und die netzseitige Versorgungssicherheit (Netzadäquanz) mit genügend Transport- und Netzanschlusskapazitäten. Die kurzfristigen Aspekte der Systemsicherheit und -stabilität umfassen sowohl den sicheren Umgang mit betriebsüblichen Ereignissen und Ausfällen, außergewöhnlichen Störungen wie Kurzschlüssen als auch Großstörungen.

Langfristige Elemente: Erzeugungs- und Netzadäquanz

Ein minimalistisches, blaues Strichsymbol zeigt drei Elemente der Energieversorgung: einen Strommast, eine Windkraftanlage und ein Solarpanel. Diese Symbole stehen für erneuerbare Energien und Stromnetzinfrastruktur.
Erzeugungsadäquanz
Marktseitige Versorgungssicherheit

durch ausreichende Deckung der Nachfrage

Ein Symbol eines Strommasts, stilisiert mit blauen Linien, das für Energieübertragung steht.
Netzadäquanz
Netzseitige Versorgungssicherheit

durch genügend Transport- und Netzanschlusskapazitäten

Kurzfristige Elemente: Systemsicherheit und -stabilität

Beherrschbarkeit

betriebsüblicher Ereignisse und Ausfälle

Beherrschbarkeit

außergewöhnlicher Störungen

Beherrschbarkeit

von Großstörungen

Maßnahmenplan: Das schlägt Amprion vor

Weil Amprion die Verantwortung als Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) sehr ernst nimmt, hat das Unternehmen einen Maßnahmenplan für ein versorgungssicheres System der Zukunft entwickelt. Einige zentrale Forderungen sind:

Schnelle Ausschreibung von Gaskraftwerken

Laut diverser Analysen bedarf es erheblicher Kraftwerkskapazitäten bis 2035, um den Versorgungssicherheitsstandard in Deutschland zu halten. Dazu plant die Bundesregierung kurzfristig den Zubau von insgesamt zwölf Gigawatt an steuerbaren Kapazitäten und die Implementierung eines sogenannten Ad-hoc-Kapazitätsmarktes.

Warum die Pläne ambitioniert sind

Amprion befürwortet diese Pläne zwar, hält sie jedoch für sehr ambitioniert: Laut Plänen der Bundesregierung sollen erste Ausschreibungen noch in diesem Jahr erfolgen, außerdem soll der Ad-hoc-Kapazitätsmarkt implementiert werden – und zwar bis 2027. In einem Kapazitätsmarkt wird nicht nur der produzierte Strom vergütet, sondern auch die Bereitstellung von Kraftwerkskapazitäten. So sollen Anlagenbetreiber einen Anreiz erhalten, neue Kraftwerke zu errichten. Erfahrungen aus dem europäischen Ausland zeigen jedoch, dass Ausschreibungen mehrere Jahre Vorlaufzeit benötigen und bis zur Inbetriebnahme nochmals vier bis fünf Jahre vergehen. Die Umsetzung erscheint daher sehr ambitioniert und lässt sich nur realisieren, wenn man sich an den Erfahrungen und Modellen anderer europäischer Staaten orientiert.

Wir fordern: gesicherte Leistung frühzeitig und netzdienlich ausschreiben

Amprion fordert, neue Kraftwerke schnellstmöglich auszuschreiben und sie gezielt dort anzusiedeln, wo sie dem Netz besonders nutzen und den Bedarf an Netzreserven senken. Die Anlagen sollten zudem klar definierte technische Anforderungen erfüllen. Damit die Umsetzung zeitnah starten kann, müssen schnellstmöglich notwendige gesetzliche Rahmenbedingungen geschaffen werden.

Marktintegration und Erhöhung der Steuerbarkeit von EE-Anlagen

Die Preise von Photovoltaik-Anlagen sind in den vergangenen Jahren deutlich gesunken und haben einen enormen Ausbauboom ausgelöst.

Warum der PV-Ausbau zusätzlichen Handlungsbedarf schafft

Aus Sicht von Amprion besteht Handlungsbedarf, weil es durch den starken Ausbau lokal zu einem Überangebot an Strom kommen kann – mit möglichen Folgen wie Frequenzabweichungen und Netzüberlastungen. Wesentlicher Grund dafür ist die feste Einspeisevergütung vieler Anlagen: Auf Preissignale wird nicht reagiert, Strom wird selbst bei bereits bestehendem Überschuss weiter eingespeist. Viele der Anlagen sind auch von Netz-, Anlagenbetreibern oder Energieversorgern selbst nicht steuerbar. Derzeit werden Mechanismen entwickelt, mit denen PV-Anlagen bei zu viel Solarstrom gezielt heruntergeregelt werden sollen.

Wir fordern: Erneuerbare besser steuerbar machen und in den Markt integrieren

Amprion schlägt darüber hinaus weitere Festlegungen und gesetzliche Anpassungen vor, damit künftig auch kleinere Anlagen fernsteuerbar werden. Zudem sollte die Direktvermarktung ausgeweitet werden, damit sich die Einspeisung bei Stromüberschuss weniger lohnt und Anlagen besser in den Markt integriert werden.

Integration von Batteriespeichern in den Redispatch-Prozess

Batteriespeicher können die Systemsicherheit verbessern und die Netzkosten senken – vorausgesetzt, sie sind sinnvoll im Netz verortet und werden netzdienlich betrieben.

Warum Batteriespeicher ihr Potenzial im Redispatch heute nicht ausschöpfen

Ohne Anpassungen des regulatorischen Rahmens erwartet Amprion gegenteilige Auswirkungen: Bereits heute müssen Speicher mit einer Leistung von mehr als 100 Kilowatt Redispatch-Potenzial zur Verfügung stellen. Das bedeutet, dass ihre Einspeisung außerplanmäßig herunter- und heraufgeregelt werden kann, damit Stromleitungen nicht überlastet werden. Doch das passiert in der Praxis nicht. Ein Grund: Übertragungsnetzbetreiber werden derzeit nicht über die Speicherstände informiert und wissen folglich nicht, ob ein Batteriespeicher bei einem möglichen Redispatch-Abruf tatsächlich zur Verfügung steht.

Wir fordern: Batteriespeicher für den Netzzugriff vollständig nutzbar machen

Amprion fordert deshalb eine gesetzliche Klarstellung, die Anlagenbetreiber dazu verpflichtet, das geplante Energievermögen ihrer Speicher an ÜNB mitzuteilen. Die Netzbetreiber benötigen darüber hinaus Zugriff auf die vollen technischen Möglichkeiten des Speichers im Redispatch. Erste gemeinsame Pilotversuche von Amprion und Anlagenbetreibern laufen dazu bereits.

Anlagen: Anforderungen, Übergangsregelungen und Kontrollen

Neue Batteriespeicher, Rechenzentren und Elektrolyse-Anlagen müssen aus Sicht von Amprion so betrieben werden, dass sie die Stabilität des Netzes unterstützen und nicht gefährden.

Warum neue Anlagen klare technische Vorgaben und bis zur Verankerung Übergangsregeln brauchen

Entsprechende Entwürfe liegen der EU-Kommission bereits vor und sollten zeitnah verabschiedet werden. Bis diese Vorgaben in nationales Recht überführt sind, braucht es praxistaugliche Übergangsregelungen.

Wir fordern: Technische Anforderungen wirksam kontrollieren und durchsetzen

Darüber hinaus hat sich gezeigt, dass Anlagen bisweilen teils systematisch notwendige Anforderungen der Netzbetreiber umgangen oder nicht vollständig eingehalten haben – insofern ist auch eine Verschärfung der Kontrollen notwendig. Künftig sollte es möglich werden, Anlagen im Anschlussprozess und im laufenden Betrieb zu kontrollieren und Betreiber zu sanktionieren, falls die Anforderungen nicht eingehalten werden.

Zusammenfassung

  • Mit dem Maßnahmenplan zeigt Amprion auf, wie Versorgungssicherheit kurz- bis mittelfristig gewährleistet werden kann – auch in einem Stromsystem mit den genannten veränderten Rahmenbedingungen.

  • Entscheidend ist, dass Akteure aus Politik und Regulierung sowie Marktteilnehmer und Netzbetreiber die vorgeschlagenen Maßnahmen schnell und umfassend umsetzen.

  • Gelingt dies, kann Deutschland den bisherigen Versorgungsstandard halten und die Energiewende weiter vorantreiben.

  • Bleiben die notwendigen Schritte aus, sieht Amprion die Versorgungssicherheit ernsthaft gefährdet.