Energiewende: Neustart für mehr Effizienz

Netzstabilität
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Wie wird die Energiewende günstiger? Durch eine bessere Steuerung? Durch mehr flexible Elektrifizierung? Ein gesellschaftlicher Konsens über die Richtung wäre gut, mahnt Amprion-CEO Dr. Christoph Müller auf dem Kundentag des Unternehmens. Und schnelleres Handeln.

In Horrorfilmen mit Vampiren und Werwölfen bedarf es manchmal einer Silberkugel, um sich aus einer schwierigen Situation zu befreien. „Bei der Energiewende gibt es keine ‚Silver Bullet‘-Lösung“, sagt Dr. Jens Burchardt, Partner bei Boston Consulting Group. „Wir müssen an vielen Stellen ansetzen.“ Die Hebel dafür halte die Bundesregierung in Händen.

Das Bild zeigt ein Symbol, das aus zwei Stapeln von Münzen besteht, die nebeneinander angeordnet sind. Die Münzen sind durch einfache blaue Linien gezeichnet, die ein minimalistisches und modernes Design darstellen. Der linke Stapel ist etwas höher als der rechte.
70 %
Steigerung der Systemkosten seit 2010

bei einer durchschnittlich verbrauchten MWh

Dr. Jens Burchardt: Die Energiewende besser koordinieren

Auf dem Amprion-Kundentag referiert der Energieexperte darüber, wie die Energiewende auf Kurs zu bringen sei. „Wir koordinieren die Energiewende aktuell nicht gut. Dadurch ist sie unnötig teuer“, sagt er vor 150 Vertreter*innen von Unternehmen, die direkt ans Amprion-Höchstspannungsnetz angeschlossen sind. Die tatsächlichen Kosten einer durchschnittlich in Deutschland verbrauchten Megawattstunde – einschließlich aller Kosten für den Betrieb, die Stabilität und den Ausbau des Energiesystems – seien in den vergangenen 15 Jahren um 70 Prozent gestiegen. „Die Energiewende war bisher nicht auf Kosteneffizienz ausgerichtet.“

Die Energiewende war bisher nicht auf Kosteneffizienz ausgerichtet.

Dr. Jens Burchardt

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Partner Boston Consulting Group

Gegensteuern würde bedeuten, den Ausbau der erneuerbaren Energien und der Stromnetze an einer weniger steil steigenden Stromnachfrage auszurichten. Zugleich mahnt er einen beschleunigten Ausbau von Batteriespeichern an, ebenso eine stärkere Elektrifizierung aller Sektoren und eine stärkere Flexibilisierung der Stromnachfrage. Die Frage, wo neue Erzeugungsanlagen errichtet werden, sollte nach den Netzintegrationskosten priorisiert werden, also danach, wo sie netzdienlich wirken. Das seien wesentliche Effizienzhebel, um die Systemkosten so niedrig wie möglich zu halten. „Da, wo das noch nicht reicht, können wir mit öffentlichem Geld aushelfen.“ Langfristiges Ziel sei, den Strompreis zu stabilisieren.

Prof. Dr. Anke Weidlich: Mehr flexible Elektrifizierung, niedrigere Stromkosten

Weniger Ausbau erneuerbarer Energien und weniger Netzausbau? Dr. Anke Weidlich, Professorin an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, setzt einen anderen Schwerpunkt: „Nicht weniger Ausbau der Erneuerbaren und Netze, sondern mehr Elektrifizierung schafft eine effiziente Energiewende.“ Die Elektrifizierung sei die günstigste Art der Dekarbonisierung. Aber: „Beim Standbein Elektrifizierung lahmt die Energiewende.“ Unter anderem deshalb sei die Stromnachfrage zuletzt nicht so stark gestiegen. Der langsame Hochlauf der Elektrifizierung sei auch ein Problem für die Netzstabilität: „Das System hat zu wenig Flexibilität.“ Die Stromnachfrage lasse sich noch nicht flexibel genug an der erneuerbaren Erzeugung ausrichten.

Das System hat zu wenig Flexibilität.

Prof. Dr. Anke Weidlich

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Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

In den nächsten Jahren maßgeblich werde die Elektrifizierung in der Wärme und in der Mobilität. Doch die Elektrifizierung der Mobilität sei – verglichen mit den Entwicklungen in anderen Ländern – abgewürgt worden. Von Investitionen in Wärmepumpen würden Haushalte durch hohe Strompreise abgehalten. „Man kann grob sagen: Eine Wärmepumpe lohnt sich noch, wenn Strom zweieinhalb Mal so teuer wie Gas ist.“ In Deutschland sei der Strom viermal so teuer. „Es ist wichtig, die Strompreise niedrig zu halten“, sagt die Wissenschaftlerin. So sei es nicht förderlich, wenn alle Transformationskosten beim Strom landeten.

Dr. Christoph Müller: Schnelles Handeln für Versorgungssicherheit

Amprion-CEO Dr. Christoph Müller ordnet die Diskussion um den Neustart der Energiewende anhand des energiewirtschaftlichen Zieldreiecks aus Klimaschutz, Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit ein: „Mit Blick auf die letzten beiden Ziele gibt es schon einiges neu zu starten.“ Wichtig sei, im Rahmen der Kraftwerksstrategie schnellstmöglich den Neubau von Gaskraftwerken anzustoßen. „Die Energiewende hat kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem“, so Müller. „Jetzt müssen wir ins Handeln kommen.“

Die Energiewende hat kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem.

Dr. Christoph Müller

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CEO Amprion

Um die Versorgungs- und Systemsicherheit bis dahin abzusichern, sollte die Bundesregierung mit einer Reservekraftwerksstrategie sicherstellen, dass immer ausreichende Erzeugungskapazitäten vorhanden sind. „Versorgungssicherheit ist der zentrale Standortfaktor Deutschlands.“ Diese Versorgungssicherheit entstehe im Stromnetz. Für eine stabile Netzinfrastruktur seien Investitionen nötig. Das treffe auf Sorgen bei den durchweg energieintensiven Industriekunden von Amprion. „Mir ist klar, wie wichtig die Energiekosten für Sie sind“, sagt Christoph Müller, an die Teilnehmenden des Amprion-Kundentags gewandt. „Deswegen ist die Entlastung durch einen Zuschuss zu den Netzentgelten für das Jahr 2026 auch das richtige Signal.“

Wunsch nach Mäßigung in den energiepolitischen Debatten

Mit Blick auf die aktuelle Diskussion über die Neuausrichtung der Energiepolitik mahnt der Amprion-CEO zu „Maß und Mitte“. Und: „Wir brauchen den gesellschaftlichen Konsens.“ Der Planungshorizont von Amprion sei länger als eine Legislaturperiode. „Wir brauchen einen Grundkonsens, der uns die Leitplanken unseres Handelns vorgibt.“ Auch Energieexperte Dr. Jens Burchardt wünscht sich weniger Polarisierung in den Diskussionen. „Weder war Herr Habeck der Totengräber der deutschen Industrie, noch ist Frau Reiche die Totengräberin der deutschen Energiewende.“ Es sei sinnvoll gewesen, den Ausbau der Erneuerbaren zu beschleunigen. „Weil das gut funktioniert hat, ist es nun sinnvoll zu schauen, ob die Ausbaugeschwindigkeit beibehalten wird.“


Impressionen vom Kundentag 2025