Erster von sechs A-Nord-Abschnitten fertiggestellt
An 120 Stellen wird die zukünftige Erdkabeltrasse A-Nord derzeit gebaut. Der erste von sechs Abschnitten wurde nun fertiggestellt. Im Interview blicken die Verantwortlichen auf die Herausforderungen der Bauphase.
A-Nord ist eines der zentralen Projekte der Energiewende in Deutschland. Die über 300 Kilometer lange Erdkabel-Trasse soll zukünftig rund 2 Gigawatt Windstrom von der Nordsee bis ins Rheinland bringen – ganz im Zeichen der Energiewende. Seit Oktober 2023 befindet sich das Projekt im Bau.
Für die Planung wurde die Trasse in sechs Abschnitte unterteilt – drei in Niedersachsen, drei in Nordrhein-Westfalen. Im Norden zwischen Emden und Wietmarschen wird A-Nord auf einer Länge von rund 100 Kilometern mit den beiden Offshore-Leitungen DolWin4 und BorWin4 gebündelt.
Im niedersächsischen Abschnitt NDS2 wurde im April der Einbau der Kabelschutzrohranlage erfolgreich abgeschlossen. Im Interview hat Projektsprecherin Tanja Groß mit Markus Rützel, dem Leiter Tiefbau im Projekt A-Nord, und Nikolaj Allkemper, dem Abschnittsverantwortlichen in NDS2, über den Bau gesprochen.
Im ersten von insgesamt sechs A-Nord-Abschnitten wurde die Kabelschutzrohranlage vollständig fertiggestellt. Was bedeutet dieser Meilenstein für das Projekt?
Markus Rützel: Im Projekt A-Nord ist NDS2 ein besonderer Abschnitt. Zum einen, weil wir hier die Parallellage mit DolWin4 und BorWin4 haben und zum anderen, weil es der Abschnitt mit den meisten Systemmetern ist. Für beide Kabelsysteme wurde ein separater Graben ausgehoben. Konkret sprechen wir hier von Einzelgräben in einer Länge von rund 142.000 Metern für A-Nord und etwa 125.000 Metern für DolWin4 und BorWin4. Für die Bettung der Kabelschutzrohre wurden dabei rund 300.000 Kubikmeter Flüssigboden verbaut. Um vielleicht noch ein paar weitere Zahlen zu nennen: Insgesamt waren 20 HDD-Bohranlagen im Einsatz, die insgesamt 996 Einzelbohrungen mit einer Gesamtlänge von 150.000 Bohrmetern umgesetzt haben. Die Zahlen zeigen sehr deutlich, wie komplex die Umsetzung in diesem Bauabschnitt war – sowohl logistisch als auch technisch. Hinzu kommt, dass NDS2 der Abschnitt war, der als erstes in die Bauausführung ging. Hier konnten wir unsere Bauabläufe und die Technik erproben und gleichzeitig die unterschiedlichen Firmen aus der Integrierten Projektabwicklung (IPA) zusammenführen, um unsere Zusammenarbeit für die anderen Abschnitte optimieren zu können.
Wie lang ist der Abschnitt NDS2 und wie lange haben die Arbeiten gedauert?
Nikolaj Allkemper: Der Abschnitt NDS2 ist mit 77 Kilometern der längste Abschnitt aus dem Projekt A-Nord und verläuft parallel zu den Projekten DolWin4 und BorWin4. Somit beinhaltet der Abschnitt NDS2 77 Sektionen und 77 Muffenstandorte. Die Arbeiten haben mit der Genehmigung für den vorzeitigem Baubeginn an vereinzelten Stellen im Herbst 2023 begonnen und wurden mit Erhalt des Planfeststellungsbeschlusses im Folgejahr 2024 sukzessive fortgeführt.
Markus Rützel (links) und Nikolaj Allkemper (rechts).
Wie wird der Bau eines so langen Abschnitts koordiniert?
NA: Wir arbeiten im Bau mit einem besonderen Vertragsmodell, der IPA. Essenzielle Bestandteile davon sind eine enge Zusammenarbeit und eine offene Kommunikation mit allen Partnerunternehmen – insbesondere mit unserer Baufirma und dem technischen Teilprojektleiter Bau aus der IPA. Unsere Partner werden also von Beginn an eingebunden.
Wie können wir uns das Vorgehen im Bau vorstellen: Wird Sektion für Sektion von Nord nach Süd gebaut oder entsteht die Trasse eher wie ein Puzzle?
MR: Unsere Wunschvorstellung ist, von Nord nach Süd oder von Süd nach Nord zu bauen. Aber wir unterliegen unterschiedlichen Einflussfaktoren: Beispielsweise ökologische Belange, Kampfmittelfreiheit, Bodenschutz und das Leitungsrecht, also die Zustimmung der Eigentümer, lassen es nicht immer zu, dass man von Nord nach Süd durchgehend arbeiten kann. So ergeben sich viele Trassenabschnitte, an denen gleichzeitig gearbeitet wird – wie bei einem Puzzle. Ich bin aber der Meinung, dass auch darin eine Chance liegt, und zwar in der Hinsicht, dass man beim Bau flexibler reagieren und agieren kann. So können wir als Erstes in Sektionen einsteigen, die noch größere Herausforderungen mit sich bringen, etwa eine Bauzeitenbeschränkung mit witterungsempfindlichen Böden.
Der Abschnitt NDS2 ist einer von sechs. Wir sprechen über insgesamt 300 Kilometer Trasse, die gebaut werden müssen. Können Sie uns ein paar Zahlen zum Bau nennen?
MR: Für das Gesamtprojekt, also bezogen auf die gesamten rund 300 Kilometer, haben wir für A-Nord 600 Systemkilometer und 200 Systemkilometer für BorWin4 und DolWin4. Rund 1.200 Projektbeteiligte aus allen Gewerken – Bodenschutz, Kampfmittelräumung, Kabelzug und Tiefbau – sind aktuell unterwegs, um die Trasse zu bauen oder das Kabel zu installieren. Wir arbeiten an circa 120 Einsatzorten mit 325 Baggern unterschiedlicher Größenklassen gleichzeitig. Außerdem sind 38 HDD-Anlagen mit Zugkräften von 15 Tonnen bis hin zu 250 Tonnen dauerhaft in Betrieb. Dazu kommen 70.000 Baggermatten und 60.000 Fahrbleche. Weiterhin haben wir bisher 1,2 Millionen Tonnen Schotter verbaut, wobei der Gesamtbedarf bei 2,8 Millionen Tonnen liegt, wenn alles gleichzeitig benötigt würde. Ziel ist es jedoch, das Material innerhalb des Projekts möglichst mehrfach einzusetzen, um die Ressourcen effizient zu nutzen. Um noch eine letzte Zahl zu nennen: Wir haben insgesamt 5,5 Millionen DN50-Leitungen einzubauen. Das sind die Schutzrohre, die für die Begleitmedien zusätzlich zum eigentlichen Energiekabelschutzrohr im Leitungsgraben verlegt werden müssen. Die Zahlen sind sehr beeindruckend und stehen für die Ausmaße, vor allem aber auch für die logistische Herausforderung in diesem Projekt.
Da die Kabelschutzrohranlage nun vollständig eingebaut ist: Welche Arbeiten stehen in dem Abschnitt NDS2 jetzt noch an?
NA: Es steht noch der Muffenplatzbau an. Der Trassenbau – also das Verlegen der Kabelschutzrohre – bereitet die spätere Kabeleinziehung vor. Dafür brauchen wir spezielle Arbeitsstandorte, die Muffenstandorte, an denen die Kabelschutzrohranlage freigelegt ist und das Kabel in die Schutzrohranlage eingezogen werden kann. Ein Teil des Muffenplatzbaus steht noch aus, die Mehrheit ist aber schon vorbereitet. Im nächsten Schritt werden an diesen Stellen die Muffengruben geöffnet, die Arbeiten an den Kabeln durchgeführt und die Gruben wieder verfüllt. Danach müssen noch alle Zuwegungen wiederhergestellt werden. Ebenfalls noch ausstehend ist der Bau der Repeater-Station in Wesuwe. Sie hat die Funktion, die Monitoring-Signale zu verstärken. Dadurch, dass die Signale lediglich rund 90 Kilometer weit übertragen werden können, brauchen wir dafür Bauwerke, die über die gesamte Trasse verteilt sind.
Die Kabelschutzrohranlage für den ersten Abschnitt ist also fertig. Wie weit ist der Tiefbau im gesamten Projekt?
MR: Wir befinden uns in den weiteren fünf Planfeststellungsabschnitten in unterschiedlichen Projektphasen: Während wir in NDS2 schon in der Flächenrückgabe und teilweise Baunachsorge sind, sind wir in den zuletzt begonnenen Abschnitten, etwa in NDS3, noch voll im Bau. In NRW beginnen wir gerade, die Muffenplätze auszubauen und es finden bereits die ersten Kabelzüge statt. Insgesamt kann man sagen, dass wir sehr gut in der Zeit liegen: Wir haben circa 60 Prozent der offenen Bauweise und insgesamt 78 Prozent der Horizontalspülbohrungen (HDD) abgeschlossen sowie etwa 60 Prozent der Mikrotunnel beziehungsweise der Kurzvortriebe. Trotz des guten Baufortschritts wird das Projekt bis zum letzten Tag sehr spannend und herausfordernd bleiben.
Vielen Dank für Ihre Zeit und weiterhin einen guten Verlauf für die Bauphase!