Integrierte Projektabwicklung zeigt ihre Stärken

Seit Frühjahr 2025 wird die Erdkabeltrasse A-Nord zusammen mit den parallel verlaufenden Offshore-Leitungen DolWin4 und BorWin4 in allen Abschnitten gebaut. Das Vorhaben ist durch seine Größenordnung und das eingesetzte IPA-Modell von besonderen Kennzahlen geprägt.

A-Nord gehört zu den zentralen Infrastrukturprojekten der Energiewende in Deutschland. Die über 300 Kilometer lange Erdkabeltrasse soll künftig rund 2.000 Megawatt Windstrom von der Nordsee bis ins Rheinland transportieren. Zwischen Emden und Wietmarschen wird A-Nord auf einer Länge von rund 100 Kilometern mit den beiden Offshore-Leitungen DolWin4 & BorWin4 gebündelt, die anschließend weiter in östliche Richtung bis zur Umspannanlage in Lingen verlaufen.

Auch für erfahrene Bauingenieure ist die Dimension des Projekts außergewöhnlich. Einer von ihnen ist Markus Rützel, Leiter des Tiefbaus im Projekt A-Nord. „Es sind schon unfassbare Zahlen, die hier geschrieben werden“, führt er aus. „Wir sprechen von 120 zeitgleichen Baustellen auf über 300 Kilometern Trassenverlauf. Es sind dabei beispielsweise 180 Bagger im Einsatz, zudem nutzen wir aktuell insgesamt 38 HDD-Anlagen für die unterirdischen Bohrungen.

“Nach einer rund siebenjährigen Planungs- und Genehmigungsphase konnte im Oktober 2023 der erste Spatenstich erfolgen. Mit dem Erhalt der Genehmigungen für die sechs Teilabschnitte, in die die rund 300 Kilometer Trasse unterteilt ist, begann schrittweise der Bau. Seit April 2025 wird in allen Abschnitten gleichzeitig gebaut – und dies in einem ganz besonderen Zusammenschluss.

Innovatives Modell in der Bauausführung

Eine zentrale Rolle bei der Einführung einer neuen Form der Projektumsetzung spielt Dr. Jörn Koch. Er war in der Planungsphase Projektleiter bei A-Nord und verantwortet heute den Bereich Kabeltiefbau bei Amprion. „Der Begriff IPA war für alle Beteiligten am Anfang neu“, berichtet er. „Dennoch war es die beste Entscheidung für das Projekt, diesen Weg zu gehen.“ Die Abkürzung IPA steht für „Integrierte Projektabwicklung“ und stellt eine Innovation in der Umsetzung von Bauprojekten dar.

Für A-Nord und DolWin4 & BorWin4 wurde ein Konsortium aus dem Auftraggeber Amprion, sechs Tiefbaufirmen sowie einem Planungsbüro gebildet. Bei der Auswahl der Partner wurden bewusst Tiefbaufirmen berücksichtigt, die mit den jeweiligen Regionen und den unterschiedlichen Bodenverhältnissen entlang der Trasse vertraut sind.

„Inzwischen sind wir über 900 Mitarbeitende in der IPA, davon über 650 Gewerbliche, und mit allen Subunternehmen und Dienstleistern insgesamt über 1.200 Projektbeteiligte“, erklärt Koch. Ein wesentlicher Beweggrund für das Modell waren die erwarteten Kostenvorteile: Es werden 25 Prozent weniger Kosten pro Grabenkilometer im Vergleich zu ähnlichen Projekten veranschlagt.

Die Organisation in der IPA ähnelt der Struktur eines Großunternehmens – mit dem Unterschied, dass hier Mitarbeitende aus mehreren Firmen zusammenarbeiten. Beschäftigte unterschiedlicher Unternehmen werden für die Dauer des Projekts zu Kolleginnen und Kollegen. „Die unternehmensübergreifende Zusammenarbeit erreicht durch die IPA ein höheres Level. Es herrscht eine andere Vertrauensbasis. Das wirkt sich positiv auf die Leistungsfähigkeit aus“, beschreibt Markus Rützel die Vorteile des Modells. Dr. Jörn Koch ergänzt: „Die Vergabe als Gesamtprojekt realisiert Skaleneffekte und reduziert Schnittstellen. Alle ziehen an einem Strang“.

Die bisherigen Kennzahlen stützen diese Einschätzung. Bei allen messbaren Ergebnissen liegt die IPA derzeit deutlich über dem Benchmark. Im Durchschnitt werden HDD-Bohrungen bei A-Nord doppelt so schnell durchgeführt wie üblich, in offener Bauweise werden pro Tag rund 50 Prozent mehr Einzelgräben erstellt.

Bau an vielen Stellen sichtbar

Die IPA-Struktur wird insbesondere an den sieben Dispositionsplätzen entlang der Trasse sichtbar. In den dortigen Containerbüros wird die Bauausführung der jeweiligen Abschnitte gesteuert. Dazu gehören unter anderem die Materiallagerung, Geräteplanung, Logistik sowie das Controlling. Gleichzeitig dienen die Standorte als Treffpunkt für den Austausch der Mitarbeitenden. „Das Projekt wirkt hier eindeutig als Innovator und Vorreiter für neue Ansätze in der Bauausführung“, sagt Koch. Der IPA-Report 2025 weist mehr als 40 große IPA-Projekte in Deutschland aus – mit steigender Tendenz. „Wir sind mit der IPA in der Baubranche vor der Welle“.

Auch auf den zahlreichen Baustellen in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen sind die Fortschritte deutlich erkennbar. „Innerhalb der IPA können die Partner schnell auf Planänderungen reagieren oder sich gegenseitig unterstützen. Das macht uns im Bau sehr flexibel“, sagt Markus Rützel. „Der gesamte Baufortschritt hat inzwischen über 60 Prozent erreicht. Die großen Querungen im Norden an der Ems und am Ems-Seitenkanal laufen schon seit Monaten, im Rhein bei Xanten liegen die Kabelrohre sogar bereits im Flussbett.“

Sehr positives Zwischenfazit

Mit Blick auf den weiteren Projektverlauf zeigen sich Dr. Jörn Koch und Markus Rützel optimistisch. „Wir konnten schon viele neue Erfahrungen sammeln und erste Erfolge im Bau verzeichnen – jetzt gilt es, das weiter auf die Strecke zu bringen“, sagt Rützel. Und Koch ergänzt: „Aus den Erkenntnissen und Erfahrungen mit dem IPA-Modell haben wir den Progressiven Partnerschaftsvertrag Tiefbau entwickelt. Die Erfolge der partnerschaftlichen Projektabwicklung bei A-Nord setzen den Maßstab für zukünftige Großprojekte.“

Bilder von den IPA-Baustellen