Versorgungssicherheit: Welche Maßnahmen Amprion jetzt für nötig hält

Netzstabilität
Lesedauer: 7 Min.
Menschenmenge vor einer Wand mit dem Schriftzug VERSORGUNGS SICHERHEITS KONFERENZ 2026
Als einer der vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber ist Amprion für einen bedarfsgerechten Ausbau der Netzinfrastruktur verantwortlich. Wir überwachen und steuern den Stromtransport und sorgen so für Versorgungssicherheit. Doch der Zubau der Erneuerbaren, die Nachfrage nach Batteriespeicher-Anschlüssen und das Aus für Kohlekraftwerke stellen die Netzbetreiber vor neue Herausforderungen.

Der Anspruch ist klar: Strom soll zur Verfügung stehen, wenn er gebraucht wird. Dies sieht Amprion jedoch in Zukunft nicht als gewährleistet an – zumal Studien zufolge absehbar mehr Strom benötigt wird.

Vor diesem Hintergrund hat Amprion einen Maßnahmenplan in die politische und regulatorische Debatte eingebracht. Auf einer Fachkonferenz wurden die daraus abgeleiteten Fragen zudem mit zentralen Akteuren Anfang Juli in Berlin diskutiert.

Versorgungssicherheitskonferenz in Berlin

Gemeinsam mit hochrangigen Gästen aus Politik, Regulierung, Wirtschaft und Wissenschaft wurde am 2. Juli in Berlin diskutiert, wie Versorgungssicherheit in Deutschland langfristig gewährleistet werden kann. Im Mittelpunkt standen dabei die anstehende Kraftwerksstrategie, die Einführung eines möglichen Kapazitätsmarktes in Deutschland sowie das von der Bundesregierung angekündigte Gesetzespaket und die damit verbundene Aufgaben- und Verantwortungsteilung zwischen Politik, Wirtschaft und Netzbetreibern.

Denn das System steht vor vielen Herausforderungen: Erneuerbare Energien decken bereits mehr als die Hälfte des deutschen Stromverbrauchs. Eine erwünschte Entwicklung, mit der aber auch Dunkelflauten und der Bedarf an Batteriespeichern zunehmen. Letztere drängen zwar auf den Markt, ihre Betriebsweise dient jedoch nicht automatisch der Netzstabilität und damit der Versorgungssicherheit. Kohlekraftwerke gehen schrittweise vom Netz, aber laut diverser Analysen sind bis zum Jahr 2035 erhebliche zusätzliche Kraftwerkskapazitäten nötig.

Das zentrale Fazit der Konferenz: Der Gesetzgeber muss die entsprechenden Rahmenbedingungen zügig anpassen, um die Rolle Deutschlands als verlässlichen Energie- und Industriestandort dauerhaft zu stärken..

Das Foto zeigt Herrn Dr. Neumann. Dr. Hendrik Neumann ist seit 2021 Mitglied der Geschäftsführung der Amprion GmbH. Als Chief Technical Officer (CTO) verantwortet er die Aufgabenbereiche Asset Management, Netzprojekte, Offshore, Systemführung Netze und Arbeitssicherheit.

Das Ziel von Amprion ist es, das aktuell hohe Versorgungssicherheitsniveau in Deutschland auch weiterhin zu gewährleisten. Deshalb benötigen wir für den sicheren Betrieb des Systems zusätzliche gesicherte Leistung und neue Regeln für erneuerbare Energien sowie Betriebsmittel wie Batteriespeicher.

Dr. Hendrik Neumann

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CTO von Amprion

Vertiefende Sessions: Von Blackout-Analyse bis Kapazitätsmarkt

In mehreren Breakout-Sessions vertiefte die Konferenz zentrale Fragen der Versorgungssicherheit. Eine Session widmete sich der Analyse des großflächigen Blackouts auf der Iberischen Halbinsel im Jahr 2025 und den Lehren, die sich daraus für Systemstabilität und Krisenvorsorge ziehen lassen. Parallel dazu diskutierten Expert*innen die Ausgestaltung eines Kapazitätsmarktes in Deutschland und die Anforderungen an gesicherte Leistung in einem System, das auf erneuerbaren Energien basiert. Weitere Sessions befassten sich mit dem sicheren Systembetrieb und der Rolle des Strommarktes sowie mit den Reserven, die in den kommenden Jahren notwendig sein könnten.

Programm Versorgungssicherheitskonferenz 2026

   
12:00 – 12:45 Eintreffen, Akkreditierung und Mittagsimbiss
12:45 – 13:05 Begrüßung und Eröffnungsimpuls Die drei Säulen der Versorgungssicherheit

Dr. Christoph Müller, Chief Executive Officer, Amprion
Dr. Hendrik Neumann, Chief Technical Officer, Amprion
Präsentation zum Download
13:05 – 13:50 Auftakt-Panel Versorgungssicherheit in der Transformationsphase: Wie sichern Netz und Markt gemeinsam die Stromversorgung der Zukunft?

Ursula Heinen-Esser, Präsidentin, Bundesverband Erneuerbare Energie
Silke Krebs, Staatssekretärin, Ministerium für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen
Barbara Lempp, Chief Operating Officer, Energy Traders Europe
Dr. Hendrik Neumann, Chief Technical Officer, Amprion

Dr. Carsten Rolle, Co-Bereichsleiter Energie, Mobilität, Umwelt, Bundesverband der Deutschen Industrie
13:50 – 14:10 Networking-Pause
14:10 – 15:10 Breakout-Sessions Session 1: Blackout-Analyse Spanien – Ursachen und Aspekte der Systemstabilität

Dr. Tobias Hennig, Leiter Systemstabilität und Netzintegration, Amprion
Heike Kerber, Geschäftsführerin, VDE FNN
Lisa Koch-Thevenin, Referentin im Referat Systemsicherheit, Krisenvorsorge Strom, BMWE
Dr. Tilman Ringelband, Leiter operative Netz- und Systemführung, Amprion
Präsentation zum Download



Session 2: Gesicherte Leistung – die Umsetzung des Kapazitätsmarktes in Deutschland

Dr. Peter Lopion, Referent internationales Regulierungsmanagement, Amprion
Präsentation zum Download
Bernd Petermann, Referatsleiter, Thermische Kraftwerke und Speicheranlagen, Bundesnetzagentur
Dr. Jens Reich, Leiter Standortentwicklung, STEAG Power
Marco Stoltefuß, Leiter Regulierungsmanagement, Amprion
15:10 – 15:40 Kaffeepause
15:40 – 16:40 Breakout-Sessions Session 3: Sicherer Systembetrieb – Welche Rolle spielt in Zukunft der Strommarkt?

Nele Maas, Senior Research Consultant, FfE
Präsentation zum Download

Dr. Andreas Maaz, Leiter Systemdienstleistungen und Netzführung, Amprion


Session 4: Countdown bis zum Kapazitätsmarkt – Welche Reserven braucht es in den kommenden Jahren?

Thomas Dederichs, Leiter Systementwicklung, Amprion
Dr. Christoph Maurer, Geschäftsführer, Consentec
Präsentation zum Download
Dr. Maike Stark, Expertin für Versorgungssicherheitsanalysen, Amprion
Urban Windelen, Geschäftsführer, Bundesverband Energiespeicher
16:40 – 17:10 Networking-Pause
17:10 – 17:30 Impuls Herausforderung Marktdesign: das Zusammenspiel von verschiedenen Bausteinen in einem komplexen System

Dr. Christoph Maurer, Geschäftsführer, Consentec
Präsentation zum Download
17:30 – 18:30 Panel Versorgungssicherheit als industrie- und energiepolitischer Standortfaktor – nationale Lösungen vs. europäische Marktintegration

Kerstin Andreae, Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung, BDEW
Dr. Levin Holle, Abteilungsleiter, Bundeskanzleramt
Dr. Markus Krebber, Vorstandsvorsitzender, RWE
Dr. Christoph Müller, Chief Executive Officer, Amprion

Sven Rösner, Geschäftsführer, Deutsch-französisches Büro für die Energiewende
18:30 – 19:00 Abschluss und Ausklang Zusammenfassung des Programms
19:00 – 22:00 Netzwerkabend mit Abendessen

Welche Elemente die Versorgungssicherheit bestimmen

Zu den langfristigen Elementen gehören die marktseitige Versorgungssicherheit (Erzeugungsadäquanz) – darunter verstehen wir die ausreichende Deckung der Nachfrage sowie das Verhindern von ungewollten Erzeugungsüberschüssen – und die netzseitige Versorgungssicherheit (Netzadäquanz) mit genügend Transport- und Netzanschlusskapazitäten. Die kurzfristigen Aspekte der Systemsicherheit und -stabilität umfassen sowohl den sicheren Umgang mit betriebsüblichen Ereignissen und Ausfällen, außergewöhnlichen Störungen wie Kurzschlüssen als auch Großstörungen.

Langfristige Elemente: Erzeugungs- und Netzadäquanz

Ein minimalistisches, blaues Strichsymbol zeigt drei Elemente der Energieversorgung: einen Strommast, eine Windkraftanlage und ein Solarpanel. Diese Symbole stehen für erneuerbare Energien und Stromnetzinfrastruktur.
Erzeugungsadäquanz
Marktseitige Versorgungssicherheit

durch ausreichende Deckung der Nachfrage

Ein Symbol eines Strommasts, stilisiert mit blauen Linien, das für Energieübertragung steht.
Netzadäquanz
Netzseitige Versorgungssicherheit

durch genügend Transport- und Netzanschlusskapazitäten

Kurzfristige Elemente: Systemsicherheit und -stabilität

Abstraktes Logo bestehend aus schwarzen Linien auf weißem Grund. Oben befinden sich zwei Kreise nebeneinander. Darunter verläuft eine horizontale Linie. Ganz unten ist ein zentriertes Dreieck mit abgerundeten Ecken zu sehen.
Betriebsübliche Ereignisse und Ausfälle

beherrschen

Blaues Piktogramm einer gedämpften Sinuskurve mit Pfeil nach rechts, symbolisiert Frequenz- oder Spannungsschwankungen im Stromnetz.
Außergewöhnliche Störungen

beherrschen

Blaues Piktogramm mit vier verbundenen Netzknoten, symbolisiert eine Groß-Störung im Stromnetz im Kontext Versorgungssicherheit.
Großstörungen

beherrschen

Maßnahmenplan: Das schlägt Amprion vor

Weil Amprion die Verantwortung als Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) sehr ernst nimmt, hat das Unternehmen einen Maßnahmenplan für ein versorgungssicheres System der Zukunft entwickelt. Einige zentrale Forderungen sind:

Schnelle Ausschreibung von gesicherter Leistung

Laut diverser Analysen bedarf es erheblicher Kraftwerkskapazitäten bis 2035, um den Versorgungssicherheitsstandard in Deutschland zu halten. Dazu plant die Bundesregierung kurzfristig den Zubau von insgesamt zwölf Gigawatt an steuerbaren Kapazitäten und die Implementierung eines sogenannten Ad-hoc-Kapazitätsmarktes.

Warum die Pläne ambitioniert sind

Amprion befürwortet diese Pläne zwar, hält sie jedoch für sehr ambitioniert: Laut Plänen der Bundesregierung sollen erste Ausschreibungen noch in diesem Jahr erfolgen, außerdem soll der Ad-hoc-Kapazitätsmarkt implementiert werden – und zwar bis 2027. In einem Kapazitätsmarkt wird nicht nur der produzierte Strom vergütet, sondern auch die Bereitstellung von Kraftwerkskapazitäten. So sollen Anlagenbetreiber einen Anreiz erhalten, neue Kraftwerke zu errichten. Erfahrungen aus dem europäischen Ausland zeigen jedoch, dass Ausschreibungen mehrere Jahre Vorlaufzeit benötigen und bis zur Inbetriebnahme nochmals vier bis fünf Jahre vergehen. Die Umsetzung erscheint daher sehr ambitioniert und lässt sich nur realisieren, wenn man sich an den Erfahrungen und Modellen anderer europäischer Staaten orientiert.

Wir fordern: gesicherte Leistung frühzeitig und netzdienlich ausschreiben

Amprion fordert, neue Kraftwerke schnellstmöglich auszuschreiben und sie gezielt dort anzusiedeln, wo sie dem Netz besonders nutzen und den Bedarf an Netzreserven senken. Die Anlagen sollten zudem klar definierte technische Anforderungen erfüllen. Damit die Umsetzung zeitnah starten kann, müssen schnellstmöglich notwendige gesetzliche Rahmenbedingungen geschaffen werden.

Marktintegration von EE-Anlagen

Die Preise von Photovoltaik-Anlagen sind in den vergangenen Jahren deutlich gesunken und haben einen enormen Ausbauboom ausgelöst.

Warum der PV-Ausbau zusätzlichen Handlungsbedarf schafft

Aus Sicht von Amprion besteht Handlungsbedarf, weil es durch den starken Ausbau lokal zu einem Überangebot an Strom kommen kann – mit möglichen Folgen wie Frequenzabweichungen und Netzüberlastungen. Wesentlicher Grund dafür ist die feste Einspeisevergütung vieler Anlagen: Auf Preissignale wird nicht reagiert, Strom wird selbst bei bereits bestehendem Überschuss weiter eingespeist. Viele der Anlagen sind auch von Netz-, Anlagenbetreibern oder Energieversorgern selbst nicht steuerbar. Derzeit werden Mechanismen entwickelt, mit denen PV-Anlagen bei zu viel Solarstrom gezielt heruntergeregelt werden sollen.

Wir fordern: Erneuerbare besser steuerbar machen und in den Markt integrieren

Amprion schlägt darüber hinaus weitere Festlegungen und gesetzliche Anpassungen vor, damit künftig auch kleinere Anlagen fernsteuerbar werden. Zudem sollte die Direktvermarktung ausgeweitet werden, damit sich die Einspeisung bei Stromüberschuss weniger lohnt und Anlagen besser in den Markt integriert werden.

Integration von Batteriespeichern in den Redispatch-Prozess

Batteriespeicher können die Systemsicherheit verbessern und die Netzkosten senken – vorausgesetzt, sie sind sinnvoll im Netz verortet und werden netzdienlich betrieben.

Warum Batteriespeicher ihr Potenzial im Redispatch heute nicht ausschöpfen

Ohne Anpassungen des regulatorischen Rahmens erwartet Amprion gegenteilige Auswirkungen: Bereits heute müssen Speicher mit einer Leistung von mehr als 100 Kilowatt Redispatch-Potenzial zur Verfügung stellen. Das bedeutet, dass ihre Einspeisung außerplanmäßig herunter- und heraufgeregelt werden kann, damit Stromleitungen nicht überlastet werden. Doch das passiert in der Praxis nicht. Ein Grund: Übertragungsnetzbetreiber werden derzeit nicht über die Speicherstände informiert und wissen folglich nicht, ob ein Batteriespeicher bei einem möglichen Redispatch-Abruf tatsächlich zur Verfügung steht.

Wir fordern: Batteriespeicher vollständig in den Redispatch integrieren

Amprion fordert deshalb eine gesetzliche Klarstellung, die Anlagenbetreiber dazu verpflichtet, das geplante Energievermögen ihrer Speicher an ÜNB mitzuteilen. Die Netzbetreiber benötigen darüber hinaus Zugriff auf die vollen technischen Möglichkeiten des Speichers im Redispatch. Erste gemeinsame Pilotversuche von Amprion und Anlagenbetreibern laufen dazu bereits.

Anlagen: Anforderungen, Übergangsregelungen und Kontrollen

Neue Batteriespeicher, Rechenzentren und Elektrolyse-Anlagen müssen sich aus Sicht von Amprion so verhalten, dass sie die Stabilität des Netzes unterstützen und nicht gefährden. Bislang fehlen an einigen Stellen verbindliche und umfassende Regelungen.

Warum neue Anlagen klare technische Vorgaben und bis zur Verankerung Übergangsregeln brauchen

Entsprechende Entwürfe liegen der EU-Kommission bereits vor und sollten zeitnah verabschiedet werden. Bis diese Vorgaben in nationales Recht überführt sind, braucht es praxistaugliche Übergangsregelungen.

Wir fordern: Technische Anforderungen wirksam kontrollieren und durchsetzen

Darüber hinaus hat sich gezeigt, dass Anlagen bisweilen teils systematisch notwendige Anforderungen der Netzbetreiber umgangen oder nicht vollständig eingehalten haben – insofern ist auch eine Verschärfung der Kontrollen notwendig. Künftig sollte es möglich werden, Anlagen im Anschlussprozess und im laufenden Betrieb zu kontrollieren und Betreiber zu sanktionieren, falls die Anforderungen nicht eingehalten werden.

Zusammenfassung

  • Mit dem Maßnahmenplan zeigt Amprion auf, wie Versorgungssicherheit in den kommenden Jahren gewährleistet werden kann – auch in einem Stromsystem mit den genannten veränderten Rahmenbedingungen.

  • Entscheidend ist, dass Akteure aus Politik und Regulierung sowie Marktteilnehmer und Netzbetreiber die vorgeschlagenen Maßnahmen schnell und umfassend umsetzen.

  • Bleiben die notwendigen Schritte aus, sieht Amprion die Versorgungssicherheit ernsthaft gefährdet.