Das Bild zeigt einen Windradpark in der Nordsee. Die See schlägt leichte Wellen und der Himmel zeigt einige Wolken.

von Dr. Hans-Jürgen Brick

Zwei gesellschaftliche Mammutaufgaben sind und bleiben akut: Wir müssen uns gegen den Klimawandel stemmen und eine Industriegesellschaft gestalten, die nicht mehr auf Kohlenstoff beruht. Doch wie können wir auf diesem Weg vorankommen, ohne dass die hohe Sicherheit unserer Stromversorgung leidet – und damit ein wichtiger Faktor für den Wirtschaftsstandort Deutschland auf dem Spiel steht?

Dr. Hans-Jürgen Brick, CEO von Amprion

Als Übertragungsnetzbetreiber trägt Amprion hierbei eine besondere Verantwortung: Wir sind für den sicheren Betrieb des Stromsystems zuständig. Dies ist eine wichtige Voraussetzung für eine hohe Versorgungssicherheit, die wiederum die Summe ganz verschiedener Bausteine ist. Diese reichen von der Einspeisung erneuerbarer Energien, der Verfügbarkeit flexibler gesicherter Leistung über die Flexibilisierung des Verbrauchs bis hin zu einer ausreichenden Transportkapazität und technischen Stabilität des Netzes. Um die Komplexität noch zu steigern: Zwischen vielen dieser Variablen bestehen Abhängigkeiten. Unsere Versorgungssicherheit lässt sich deshalb nur erhalten, wenn wir alle Elemente des Stromsystems betrachten.

Flexibilität ist gefragt

Immer mehr Unternehmen werden ihre Produktion auf klimaschonende weitgehend CO2-neutrale Prozesse umstellen. Damit schnellt auch ihr Strombedarf nach oben. Die Prognosen des Netzentwicklungsplans gehen für 2035 von einem jährlichen Stromverbrauch von bis zu 690 Terrawattstunden aus – bei einem bis zu 74-prozentigen Anteil erneuerbarer Energien. An Tagen mit günstigem Wetter wird die Einspeisung aus Wind und Sonne die Nachfrage und Transportfähigkeit des Netzes weit überschreiten. Wenn es aber dunkel und windstill ist, wird sich der Strombedarf aus Erneuerbaren nicht einmal annähernd decken lassen.

Flexibilität ist gefragt, um das System stabil zu halten: Wir brauchen einerseits Anlagen, die wetterunabhängig Strom erzeugen. Anderseits benötigen wir Verbraucher, die ihren Bedarf dem aktuellen Angebot an grünem Strom anpassen. Dieses Zusammenspiel von Erzeugung und Verbrauch muss perfekt austariert sein. Es setzt einen Markt voraus, der nicht nur ökonomischen, sondern auch meteorologischen und technischen Gesetzen folgt. Ein Markt, der systemorientiertes Verhalten aller Marktteilnehmer fordert und frühzeitig Investitionsanreize für die dringend benötigte Flexibilität auf Erzeuger- und Verbraucherseite bietet.

Smart und leistungsfähig – die Infrastruktur

Klar ist: Versorgungssicherheit wird es nicht ohne den Netzausbau geben. Der Bau von neuen Gleichstromleitungen kann nicht die alleinige Antwort sein. Deshalb suchen wir nach smarten Lösungen für das Netz – wie etwa systemorientierte Power-to-Gas-Anlagen. Platziert in räumlicher Nähe zu den Zentren der Erneuerbaren-Erzeugung, wandeln sie an Tagen mit „Überproduktion“ grünen Strom in Gas um. Zugleich lassen sich so Engpässe im Netz reduzieren und Kosten senken, da die erzeugte Energie aus Wind und Sonne nicht allein über das Stromnetz abtransportiert werden muss. Voraussetzung dafür ist aber, zukünftig die Strom- und Gasinfrastruktur stärker gemeinsam zu planen und zu steuern. Potenzial, um das Netz zu entlasten, bieten auch neue Konzepte für die Anbindung von Windparks auf der Nordsee. Sie werden Energie künftig über Direktverbindungen möglichst nah an den Verbrauchszentren ins Netz einspeisen. Zudem arbeiten wir in unserem Eurobar-Projekt gemeinsam mit Partnern daran, die Windparks untereinander zu einem modularen Offshore-Netz in Europa zu verbinden. Das erhöht die Versorgungssicherheit und senkt den Netzausbaubedarf an Land.

Genügend Transportkapazitäten allein reichen netzseitig jedoch nicht aus, um einen sicheren Betrieb unseres Stromsystems zu gewährleisten. Es bedarf neuer technischer Lösungen. Eine geographisch geballte, hohe Einspeisung verursacht etwa Spannungsschwankungen und einen hohen Bedarf an so genannter Blindleistung, um den Strom überregional verteilen zu können. Deshalb installieren wir im kommenden Jahrzehnt 28 Anlagen zur Blindleistungskompensation mit einem Volumen von einer Milliarde Euro. All diese innovativen Konzepte und Elemente ebnen den Weg für die im System benötigte Flexibilität – die es aber zu beherrschen gilt. Eine Aufgabe, der wir uns bei Amprion gemeinsam mit vielen Partnern in zahlreichen Projekten stellen. Denn wir müssen und können die Variablen Erzeugung, Infrastruktur und Markt miteinander verbinden. Nur so werden wir Versorgungssicherheit in Deutschland und Europa langfristig gewährleisten.

Dieser Beitrag ist im Januar 2021 im Handelsblatt-Journal zum Thema Energiewirtschaft erschienen.  Lesen Sie hier das E-Paper.

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